Skip to content

yukiguni (schneeland)

Berlin 2010/11

.
.
.

ANDRE MAILÄNDER
Yukiguni (Schneeland)

Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland. Der Nacht Tiefe wurde weiß.
Die Dampflok hielt an einem Signal.
(Kawabata Yasunari, Schneeland)

Die fotografische Arbeit mit dem Titel ‘Yukiguni’ (Schneeland), ist im Winter 2010/2011 in Berlin entstanden. Sie ist benannt nach dem Roman yukiguni des japanischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Kawabata Yasunari.
Kawabata hat seinen 1934 begonnenen Roman immer wieder umgeschrieben, gekürzt und um weitere Kapitel ergänzt, bis er die für ihn perfekte Form hatte. Erst 1947 wurde „Schneeland“ in seiner endgültigen Form veröffentlicht und gilt seitdem als ein Meisterwerk der japanischen Literatur. Man rückt den Autor häufig in die Nähe der großen Haiku-Dichter des 17. Jahrhunderts, weil sein Roman vom Gegensatz aus innerem Erleben und äußerster stilistischer Sparsamkeit lebt.

Das ästhetische Prinzip, das Kawabata seiner traurigen Geschichte zugrunde legt, ist das des mono no aware. Zunächst nur auf Literatur und die Empfindung des Lesers bezogen, beschreibt dieser zentrale japanische Kulturbegriff das Gefühl der Wehmut angesichts der Vergänglichkeit der Dinge. In diesem Begriff verschmelzen Hochgefühl, Ergriffenheit, Erkenntnis und Abschied. Es ist zugleich die Demut vor der Schönheit der Natur, das Versinken in einem Anblick, das blitzschnelle Aufflackern einer Trauer und die wehmütige Erinnerung an das Gewesene. Es ist der glückliche Moment und sein Ende.

Formal gesehen bietet der fragmentarische, immer wieder verwandelte Charakter von Kawabatas Roman einen Ausgangspunkt für die hier gezeigte fotografische Arbeit. Auch sie wird sich im Laufe der Zeit verändern, unterschiedliche Formen annehmen. Der Prozess des Auswählens, Verwerfens, Veränderns, Ergänzens wird hier weniger als Verzögerung auf dem Weg zu einem vollkommenen Zustand gesehen, als vielmehr als eine dem Werk inhärente Notwendigkeit, eine Eigenwilligkeit der Arbeit, in deren Dienst der Künstler sich stellt. In diesem Zusammenhang kann es nur schlüssig sein, wenn jedes der hier gezeigten Bilder in seiner präsentierten Form ein Unikat in einer Serie von Varianten bleibt.

Der Begriff des mono no aware übt auf uns Europäer eine Faszination aus, weil er in unserer westlichen Kultur so nicht existiert und uns dazu auffordert, voneinander getrennte Empfindungen in einem Begriff zu verstehen. So bleibt eine Beschreibung dieser Ästhetik immer nur eine intuitive Annäherung an etwas, das uns zwar reizt, aber das wir doch allein Kraft unseres Verstandes nie ganz erfassen können. An diesem Punkt kann die Fotografie das festlegende Gerüst der Sprache hinter sich lassen und der Intuition den Raum bieten, den sie zur Entfaltung braucht.

Text Bettina Hanstein

.
.
ANDRE MAILÄNDER
Yukiguni (Schneeland)

The train came out of the long tunnel into the snow country. The earth lay white under the night sky.
The train pulled up at a signal stop.
(Kawabata Yasunari, snow country)

The photographs of the series called „Yukiguni“ were taken in Berlin during winter 2010/2011. They were named after the novel yukiguni by Japanese author and nobel prize winner Kawabata Yasunari.
Kawabata started writing his novel in 1934 and kept working on it for many years, adding chapters, shortening and re-writing it, until it had reached the perfect form in his eyes. „Snow country“ was published in its integral form in1947 and has been considered since then one of the masterpieces of Japanese literature. Kawabata has been put in a literary line that can be traced back to seventeenth-century haiku masters, as his work lives from the contrast between inner feelings and an elliptic, subdued style.

The aesthetical principle underlying Kawabata’s sad story ist the one of mono no aware, a term initially only used in literary contexts to refer to the reader’s emotions. Later on, the meaning expanded to become one of the fundamental principles of Japanese cultural tradition. It describes the sensitivity related to the transience, the ephemeral character of things. This conception fuses elation, poignancy, awareness and farewell. It is at the same time the humility in the face of nature’s beauty, the contemplation of a sight, sudden flashes of sadness and the wistful reflection of what has been. It is the moment of bliss and its ending.
Concerning the formal aspects, Kawabata’s novel in its fragmented, constantly re-shaped character provides a starting point for the photographic work being presented here. This art work will be evolving in time, will take different shapes. The process of selecting, discarding, changing, adding is not so much considered an interruption of a path that leads to completion, but rather an intrinsic property of the work which the artists has no choice but to accept. Therefore it seems only consistant that the photographs presented in this exhibition will remain unique pieces in a series of variants.

The conception of mono no aware exerts a certain fascination on us Europeans, because it is inexistant in our culture. It invites us to comprehend separate feelings or sensations under one single term. Thus the description of this aesthetics can only ever be an intuitive approach to something which allures us, but which we can never grasp in its extent. From then on it should be left to photography to overcome the boundaries of language and allow the space for intuition to unfold.

Text and translation Bettina Hanstein
.
.

Categories: artwork.